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Trauma, Durchhaltevermögen und der Nikolaus

Wenn Sie sich jetzt fragen, was Trauma, Durchhaltevermögen und der Nikolaus miteinander zu tun haben, so muss ich sagen: „Eigentlich nichts.“ Diese Woche, genau am 6.12., trafen aber alle zusammen. Und das kam so.

jonathan

Eine Klientin, die ich schon länger begleite, kam super gut gelaunt und kraftstrotzend zur Sitzung. Die Entwicklung war zwar
in den vergangenen Monaten sowieso sehr gut gewesen, aber dieses Auftreten erstaunte mich dann doch und nach dem kurzem Gedanken ob einer manischen Phase, den ich nach genauem Hinsehen zur Seite schob, wurde ich neugierig. Was war geschehen?

Die Klientin berichtete von einer strapaziösen Nacht. „Um 3 Uhr wachte ich auf mit pochendem Herzen und Gefühlen bis zum Hals. Ich dachte, jetzt werde ich verrückt. Ich hatte große Angst. Dann beschloss ich, die Gefühle zuzulassen. Es war ja keiner da außer mir. Ich musste niemand schonen. Und dann brach alles aus mir heraus:  meine Verzweiflung, meine Traurigkeit, meine Ängste, nicht richtig zu sein oder falsches zu tun, meine Gefühle der Ohnmacht und Scham, die ich all die Jahre gefürchtet und in Schach gehalten hatte. Ich weinte, weinte und weinte. Und obwohl ich befürchtete verrückt zu werden, spürte ich gleichzeitig einen festen Boden unter mir. Ich spürte, es gab Grund. Ganz deutlich. Ich würde nicht abstürzen. Das zu erleben war wirklich irre!“ Während sie sprach, schien sie mir sehr lebendig und bekräftigte ihre Erzählung mit Hand- und Armbewegungen.

„Das ging so eine gute Weile“ fuhr sie fort. „Dann stand ich auf, ging mir eine heiße Milch mit Honig machen, saß in der Küche, hörte Musik, dachte, dass ich mich jetzt einfach gut versorge. Und das ging tatsächlich. Zwei Stunden später ging ich wieder ins Bett und habe nochmal zwei Stunden geschlafen.“

Ich hörte ganz gespannt und innerlich ziemlich aufgeregt zu. „Wie ging es Dir, als Du aufwacht bist?“ fragte ich dann.

Sie schaute mir direkt in die Augen, was in unserer Zusammenarbeit über lange Phasen gar nicht möglich gewesen war, lachte, bewegte die geballten Hände wie eine Sportlerin vor sich und  sagte: „Ich war glücklich! Ich fühlte mich ganz! Ich fühlte mich stark! Dem Alltag gewachsen! Also ganz anders als sonst.“

„Was war denn sonst?“ fragte ich nach, weil ich die aktuelle Beschreibung des Phänomens hören wollte.

„Naja, Du weißt schon, man steht auf, weil der Wecker klingelt. Weil man muss. Ich quälte mich raus. Aus Disziplin. Aber auf keinen Fall weil ich Lust hatte.“

„Und die spürtest Du heute Morgen?“ hakte ich ein.

„Und wie!!!“ antworte sie und strahlte mich erneut an. „Und ich war heute auf der Arbeit richtig gut“ fügte sie hinzu. „Stell Dir vor: beim Adventskaffee mit allen Leuten – (Anmerkung von mir: es waren ca. 50) – hielt der Chef eine Rede und als alle schon zum Alltag übergehen wollten, ergriff ICH DAS WORT und sagte einfach: Ich, in meiner Funktion als  …. will auch was sagen. Und dann habe ich gesprochen. Stell Dir DAS MAL VOR. Und es haben alle zugehört!“

Ich antwortete, dass ich mir das gut vorstellen könne und sehr sehr gern dabei gewesen wäre.

Ich war einerseits sprachlos, andererseits quasi mitgerissen durch die Tatsache, jemanden vor mir zu erleben, der einfach be-geist-ert von sich selbst war. Ich kannte ja die Phasen des Selbsthasses und der Selbstzerstörung. Da zeigte sich so anderes jetzt und es wurde noch intensiver, als sie stiller werdend und ergriffen fortfuhr: „Weißt Du Luitgard, was das Allerwichtigste dabei war? Die ganze Zeit über hatte ich das Gefühl, dass da etwas zusammen kam.“

„Beschreibe mir das bitte genauer“ antwortete ich. „Was meinst Du damit?“

„Es fühlte sich an, als wenn da etwas zusammen kam, neu zusammengefügt wurde“ wiederholte sie und bewegte dabei ihre beiden offenen, leicht gerundeten Hände mehrfach aufeinander zu als wolle sie eine Kugel formen. „Es fühlte sich an, als wenn Zerrissenes wieder zusammengefügt wurde, nicht mehr zerrissen war in Einzelteile, sondern alles wieder zusammen, ganz. Als wär´s geklebt oder repariert, auf alle Fälle ganz!!! Und das war ein ganz schönes Gefühl. Ich spüre es jetzt auch, wo ich hier sitze.  Weißt Du, ich verstand auf einmal, dass ich nicht falsch war, dass ich nicht Verursacherin, nicht schuld war. Ich war einfach das Kind, was da war und alles abbekam. Das war mein Pech. Aber ich WAR NICHT SCHULD. Es war einfach wie es war! Das begriff ich heute Nacht.

Und damit konnte ich auf einen Schlag viele Fäden loslassen.  Ich musste sie jetzt nicht mehr verzweifelt festhalten. So eine Befreiung! Jetzt fühle ich mich ganz und mit Boden unter den Füßen. Ein unglaubliches Gefühl, voller Energie und Lust auf Leben. Das hatte ich mir sooooo lange gewünscht. Und konnte es mir doch nicht vorstellen. Jetzt spüre ich, wie das ist.“

Ich sitze ihr gegenüber und staune Bauklötze. Über ihr Auftreten, ihr Strahlen, ihre Lebhaftigkeit, ihre ansteckende Lebendigkeit. Ich freue mich riesig mit. Kurz denke ich an den langen Weg hinter uns – und ich spüre Empfindungen wie Dankbarkeit und Ehrfurcht vor ihrem Prozess in mir aufsteigen.

Ihre Schilderungen berühren mich sehr. Ich kriege mit, wie schwer es ist, für das Erlebte die richtigen Worte zu finden. Ich spüre, dass ich nach vielen Stunden als Zeugin für schrecklich Schmerzhaftes und Schweres, jetzt Zeugin von etwas Wunderbarem bin, was meinem Gegenüber neue Lebensqualität schenkt.

Und ich bin zutiefst fasziniert von dem, was da geschah, nachts, im Schlaf – aufgestiegen aus tiefem, innerem Grund – was nach Wandlung strebte, Wandlung bewirkte. „Trauma ist immer ein schmerzhaft Unerledigtes … Etwas ist überhaupt nicht in Ordnung, ein nicht gesicherter Abgrund, ein schreiendes Unrecht“ beschreibt es Luise Reddemann in Kriegskinder und Kriegsenkel in der Psychotherapie, S.48.

Genauso ist es, kann ich aus meiner Praxis mit Trauma-Klienten bestätigen. Sie und ich brauchen viel Durchhaltevermögen in einer Arbeit ohne Druck und Zwang. Umso Wunder-voller ist es, wenn dann solche Selbstheilungsprozesse gedeihen.

 

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